20.12.1912
Pilsen
–
04.03.1943
Auschwitz
Elfriede Ranzenhofer war die Tochter des Ingenieurs Edmund Ranzenhofer und seiner Frau Marta (geb. Altschul) aus Wien. Ihr Vater war bei den Skoda-Werken in Pilsen tätig, wo Elfriede 1912 zur Welt kam. Zwei Jahre später wurde ihr Bruder Robert geboren. Die Eltern lebten nicht nach jüdischem Ritus, sie waren – wie ihre Kinder – evangelisch getauft. 1917 zog die Familie nach Wien, wo Edmund eine Anstellung bei Austria-Daimler in der Wiener Neustadt fand. Elfriede erlernte den Beruf einer Drogistin und war in verschiedenen Drogeriegeschäften tätig, zuletzt in Graz. Sie heiratete 1934 Edmund Falkner aus St. Veit und trat zum katholischen Glauben über. Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 ließ sich Edmund Falkner von Elfriede scheiden, aus Angst, seinen Beruf zu verlieren. Aus Kummer wollte Elfriede alle Brücken hinter sich abbrechen und zog im Oktober 1938 nach Düsseldorf, wo sie in einer Drogerie Anstellung fand. Sie wohnte erst in der Klosterstraße 94, dann in der Prinz-Georg-Str. 53 und zuletzt in der Rochusstraße 63 im „Fremdenheim“ der Wirtin Käthe Becklönne. Dass Elfriede Falkner nach den NS-„Rassegesetzen“ als „Volljüdin“ galt, war weder ihrem neuen Arbeitsgeber noch ihrem Vermieter bekannt. Im Januar 1943 wurde sie in einem Schreiben aus Graz als „Jüdin“ denunziert, von der Düsseldorfer Gestapo verhaftet und am 1.3.1943 nach Auschwitz deportiert, wo sie direkt nach ihrer Ankunft ermordet wurde.
Literatur und Quellen:
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland (R), RW 58/54584
Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands, Nr. 194, Interview mit Alexander Altschul (1984)
Stolpersteinverlegung am 4.7.2010 (http://steinedererinnerung.net/projekte/1-innere-stadt/eroeffnung-innere-stadt-juli-2010/) [kontakt Frau Barton: waltraud.barton@chello.at]
Ranzenhofer, Robert/Peter F. Barton: Aus gemischten Familien. Die Flucht, Wien: Evang. Presseverband in Österreich, 1999
Ranzenhofer, Robert/Peter F. Barton: Die Flucht, in: Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich, Jg. 115 (1999), S. 68-101
Schröder, Joachim: Elfriede Falkner (1912-1943), in: Robert Claus u.a. (im Auftrag des DFB): Auf den Spuren von Julius Hirsch. Die Deportation nach Auschwitz im März 1943, Frankfurt/Main 2018, S. 44-45 (https://www.dfb.de/ePaper/Auf-den-Spuren-von-Julius-Hirsch/44/)
Text: Joachim Schröder
Elfriede Ranzenhofer war die Tochter des Ingenieurs Edmund Ranzenhofer und seiner Frau Marta (geb. Altschul) aus Wien, die zuvor als Sekretärin gearbeitet hatte. Die beiden heirateten 1911 in Wien. Edmund Ranzenhofer war zuvor vier Jahre lang in den USA tätig gewesen und hatte eigentlich dort leben wollen, aber seine Frau Marta überstimmte ihn, in Österreich zu bleiben. Er fand eine Anstellung bei den Skoda-Werken in Pilsen, wo Elfriede 1912 zur Welt kam. Zwei Jahre später wurde ihr Bruder Robert geboren. Die Eltern lebten nicht nach jüdischem Ritus, sie waren evangelisch getauft und auch die beiden Kinder wurden evangelisch getauft und erzogen. 1917 wurden die tschechisch-slowakischen Unabhängigkeitsbestrebungen auch in Pilsen immer stärker, es kam immer wieder zu Unruhen, so dass die Familie nach Wien zog, wo Edmund Ranzendorfer eine Anstellung bei Austria-Daimler in der Wiener Neustadt fand.
Nach fünfjährigem Besuch der Volksschule verbrachte Elfriede weitere fünf Jahre in einem Wiener Pensionat. Im Jahr 1928 begann sie eine Lehre als Drogistin in einer Wiener Drogerie, die sie nach erfolgreichem Abschluss auch zunächst übernahm, aufgrund schlechter Geschäftslage aber dann entlassen musste. Danach war sie in verschiedenen Drogeriegeschäften tätig, unter anderem in Graz, wo ihre Eltern mittlerweile lebten. Der Vater starb 1934, worauf ihre Mutter Martha zurück nach Wien zog. Elfriede heiratete 1934 den Oberlehrer Edmund Falkner aus St. Veit, der zuvor als Opernsänger gearbeitet hatte. Weil ihr Mann katholisch war, trat sie zum katholischen Glauben über. Doch als nach dem „Anschluss“ im März 1938 die NS-Terror-Herrschaft auch in Österreich errichtet wurde, ließ sich Edmund Falkner von Elfriede scheiden, aus Angst, seinen Beruf zu verlieren. Sie arbeitete zu dieser Zeit bei der Drogerie „Zur blauen Kugel“ in Graz und lebte im Stadtbezirk Straßgang. Aus Kummer wegen der Scheidung wollte Elfriede alle Brücken hinter sich abbrechen und entschied sich, die Stadt zu verlassen. Sie suchte und fand Anstellung bei der Drogerie „Alfred Tapken Nachf.“ (Inhaber Rudolf Schmidtchen) in Düsseldorf, wohin sie am 19. Oktober 1938 zog.
Dass Elfriede Falkner nach den NS-„Rassegesetzen“ trotz Taufe als „Volljüdin“ galt, war weder ihrem neuen Arbeitsgeber noch ihrem Vermieter bekannt. Sie sah auch keine Veranlassung, dies zu ändern, zumal sie sich ja auch gar nicht als Jüdin fühlte. Auch als sie 1939 im Düsseldorfer Polizeipräsidium eine Kennkarte beantragte (die mit Verordnung vom 5.10.1938 eingeführt wurden), wurde ihre Herkunft nicht bekannt. Auf ihrem Geburts- und Taufschein waren ihre Religionszugehörigkeit und die ihrer Eltern mit „evangelisch“ angegeben, weshalb die Behörde keinen Verdacht schöpfte. In Düsseldorf fand sie zunächst ein Zimmer im „Heim für berufstätige junge Mädchen“ in der Klosterstraße 94. Am 5. Juni 1940 fand sie Unterkunft in einer Wohnung in der Prinz-Georg-Straße 53 im Stadtteil Pempelfort (in derselben Straße in der Nr. 98 befand sich das Dienstgebäude der Düsseldorfer Gestapoleitstelle). Hier wohnte sie zusammen mit einer Freundin, Ria Bassler. Am 6. Mai 1942 bezog sie ein Zimmer im „Fremdenheim“ der Wirtin Käthe Becklönne in der Rochusstraße 63, ebenfalls im Stadtteil Pempelfort gelegen (Vernehmungsniederschrift Elfriede Falkner, Gestapo Düsseldorf, 23.1.1943, LA NRW, RW 58/54584).
Der Düsseldorfer Gestapo war also verborgen geblieben, dass Elfriede eine jüdische Herkunft hatte. Deswegen war sie von den überall im Deutschen Reich im Oktober 1941 einsetzenden Deportationen zum „Arbeitseinsatz im Osten“, wie es verschleiernd hieß, unbehelligt geblieben. Anders als ihre in Wien lebende Mutter Marta, die zuletzt mit ihrem Sohn Robert im „Judenhaus“ am Passauer Platz 6 lebte. Sie wurde im Frühjahr 1942 vom Wiener Aspangbahnhof in das Transitghetto Izbica bei Lublin im besetzten Polen deportiert, wo sich ihre Spur verliert. Wer nicht bereits im Ghetto ums Leben kam, wurde entweder in Sobibór oder Bełżec ermordet. Elfriedes Bruder Robert hatte sich Anfang Januar 1942 seiner Deportation aus Wien glücklich entziehen können. Er kam gerade abends nach Hause, als er ein Gestapo-Kommando vor seinem Wohnhaus sah, das die jüdischen Bewohner des Hauses zur „Evakuierung“ abholte. Er tauchte sofort unter und lebte 9 Monate lang als „U-Boot“ in Wien. In der Nacht vom 5. auf den 6. Oktober 1942 glückte ihm die Flucht in die Schweiz.
Das Geheimnis von Elfriede Falkner wäre nie aufgeflogen, wenn nicht am 20. Januar 1943 ein Schreiben der Gestapo Wien im „Judenreferat“ der Düsseldorfer Gestapo eingegangen wäre. Elfriede „Sara“ Falkner sei, schrieb ein Gestapobeamter namens Schneider, „die uneheliche Tochter einer Volljüdin und gilt als Jüdin. Vertraulich ist mir mitgeteilt worden, dass sich die Genannte z.Zt. in Düsseldorf aufhalten und als leitende Kraft in einer Drogerie in der Bahnstraße 60 beschäftigt sein soll.“ (Gestapo Wien an Gestapo Düsseldorf, 12.1.1943, Eingang 20.1.1943). Nur einen Tag später, Donnerstag morgen, 21. Januar 1943, trat Kriminaloberassistent Georg Pütz in Aktion, der leitende Exekutivbeamte vom „Judenreferat“ der Düsseldorfer Gestapo. Er verhaftete Elfriede Falkner in ihrer Wohnung, sie konnte nur einige wenige persönliche Dinge mitnehmen und wurde zum Düsseldorfer Gerichtsgefängnis, zur „Ulmer Höh“ gebracht. Zwei Tage später erfolgte ihre erste und einzige Vernehmung durch Pütz.
Elfriede Falkner, die keineswegs eine „uneheliche Tochter“ war, leugnete nicht: „Ich gebe heute offen zu, meine Zugehörigkeit bzw. meine rassische Abstammung bewußt und in voller Erkenntnis der damit verbundenen Gefahren verheimlicht zu haben. […] Hätte ich frei und offen erklärt, daß ich Jüdin bin, hätte ich eine Stellung als Drogistin bestimmt nicht bekommen und hätte auch alle übrigen für Juden geltenden Bestimmungen beachten müssen.“(Vernehmungsniederschrift, 23.1.1943). Vor allen Dingen wäre sie, wie ihre Mutter und alle anderen Jüdinnen und Juden, deportiert worden. Sie räumte auch ein, dass sie in ihrer Zeit in Düsseldorf Beziehungen zu nichtjüdischen Männern unterhalten hatte. Dies wog in den Augen der Gestapo besonders schwer. Der Gestapobeamte Pütz verfasste einen „Schutzhaftantrag“, der am 26. Januar 1943, unterzeichnet vom stellvertretenden Gestapochef Herbert Weygandt, an das Reichssicherheitshauptamt weitergeleitet wurde: „Da die Falkner sämtliche für Juden erlassenen Gesetze, Verordnungen und sicherheitspolizeilichen Vorschriften nicht beachtet hat, wurde sie am 21.1.1943 in Schutzhaft genommen. Die zum Schutze des Deutschen Blutes und der Deutschen Ehre erlassenen Bestimmungen hat die Jüdin Falkner nicht nur nicht beachtet, sondern sie hat sich in ganz frivoler Weise hierüber hinweggesetzt.“ (Entwurf Schutzhaftantrag Gestapo Düsseldorf, 26.1.1943). Die Düsseldorfer Gestapo beantragte ihre Überführung in das Konzentrationslager Auschwitz.
Ein nur sehr kleiner Teil der persönlichen Habe Elfriede Falkners wurde ihr auf ihr Bitten ins Gefängnis nachgeliefert. In ihrer Zelle in der „Ulmer Höh“, in der sie bis zur Deportation warten musste, fehlte es ihr – einen Monat nach ihrer Festnahme! – an allem: Zahnbürste, Zahnpasta, Seife, Waschlappen, Unterwäsche usw. (Schreiben der Düsseldorfer Straffälligenbetreuung, 22.2.1943). Ihr gesamtes Eigentum wurde von der Gestapo versiegelt und beschlagnahmt. Das Reichssicherheitshauptamt bestätigte am 13. Februar den „Schutzhaftantrag“ und die Gestapo Düsseldorf entschloss sich, Elfriede Falkner dem großen Massen-Transport anzuschließen, der am 2. März 1943 von Dortmund aus in Richtung Auschwitz fuhr. Nach den Angaben in ihrer Gestapoakte kam sie sie in das „Frauenlager“ in Auschwitz. In den Eingangsbüchern ist sie nicht vermerkt, so dass davon ausgegangen werden kann, dass sie kurz nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau ermordet worden ist. Ihr Bruder überlebte die Shoah in der Schweiz, wo er bis zu seinem Lebensende blieb und ein erfolgreicher Architekt wurde. Er starb 2015 in der Nähe von Zürich.
Gegen alle vier genannten Männer, die Elfriede Falkner bei ihrem Verhör durch die Gestapo namentlich erwähnt hatte, erstattete die Gestapo Anzeige wegen „Rassenschande“. Alle Betroffenen waren inzwischen Soldaten, gegen die nun Feldgerichte Anklage erhoben. Die Männer wurden freigesprochen, da alle glaubhaft versicherten, sie hätten nichts „jüdisches“ an Elfriede Falkner erkennen können. Einer von ihnen, der in Hilden stationierte, verheiratete und ebenfalls aus Wien stammende Leopold Zagler, ein überzeugter Nationalsozialist und Angehöriger der Marine-SA, teilte mit: „Hätte ich den leisesten Zweifel gehabt, dass etwa Elfriede Sara Falkner eine Jüdin gewesen sei, so hätte ich selbstverständlich dieselbe gemieden und sie der ihr zustehenden Behandlung zugeführt.“
Die Frage schließlich, wer Elfriede Falkner bei der Gestapo in Wien denunzierte, ist bis heute nicht geklärt. Vermutlich war es jemand, der sie aus Wien oder Graz kannte und der sie in der Drogerie in Düsseldorf getroffen hatte – oder gehört hatte, dass sie dort arbeitete. Möglicherweise war es ihr „Landsmann“ Leopold Zagler, mit dem sie kurzzeitig eine Beziehung unterhielt (oder seine Ehefrau). Beantworten können werden wir diese Frage wohl nicht mehr.
Text: Joachim Schröder
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